Die totale Überwachung
Bochumer Uni forscht für den Big Brother
Überwachungskameras sind eine feine Sache. Man kann damit entweder Geldautomaten oder Menschenrechtler, Journalisten oder andere politische Oppositionelle überwachen: Big Brother is watching you. Doch die Aufnahmen auszuwerten, das war bisher langwierig und ineffektiv. Doch dank der Forschung des Zentrums für Neuroinformatik muß das nicht mehr sein: Das perfekte Werkzeug für Orwells Big Brother wird an der Ruhr-Universität entwickelt.
"PersonSpotter" - so heißt die neue Wunderwaffe aus dem Arsenal der Überwachungsfreaks. Es kann zwölf Videobilder pro Sekunde abtasten und in der Minute acht Personen erkennen. Mit entsprechenden Datenbanken und einem geschlossen Netz von Überwachungskameras (CCTV - Closed Circuit Television), wie es z.B. schon in der Londoner Innenstadt exisitiert, kann man so Bewegungs- und Aufenthaltsprofile von Menschen machen, die es der Überwachungsbehörde gerade wert sind, überwacht zu werden. Das in Bochum entwickelte "PersonSpotter" setzte sich in einem Test der Army Research Laboratories mit Abstand als bestes Gesichtserkennungsprogramm durch und verwies selbst das renommierte Massachussetts Institute of Technology (MIT) auf hintere Plätze.
Mittels eines plastischen Netzes, das im Computer über das Gesicht gelegt wird, können einzelne Gesichter erkannt werden - Einzelheiten spielen keine Rolle, da das Programm sich unveränderliche Merkmale, wie z.B. den Augenabstand, einprägt. Selbst eine Veränderung durch Bart, Brille oder Haarschnitt erkennt das System, sogar in chaotischen und bewegten Situationen. "Unternehmen, die sich mit Überwachung beschäftigen, werden dankbare Abnehmer sein" bemerkt süffisant die Pressestelle der Uni. Dankbare Abnehmer, das könnten z.B. autoritäre Regime und Überwachungsdienste in der ganzen Welt sein.
Das Massaker am Tiananmen-Platz
Wozu solche Überwachungskameras gut sind, wurde in China bewiesen. Die Firma Siemens Plessary verkaufte ein "Verkehrskontrollsystem" für den Tiananmen-Platz in Peking. Nach der blutigen Niederschlagung der StudentInnenproteste dort 1989 wurden die Aufnahmen des "Verkehrskontrollsystems" im Fernsehen ausgestrahlt, mit dem Angebot einer Belohnung für Informationen. Als Resultat konnten fast alle ’Täter’ identifiziert werden. Ähnliche "Verkehrskontrollsysteme" wurden auch nach Lhasa, Tibet verkauft, wo es weniger Probleme mit dem Verkehr gibt, als mit aufmüpfigen Chinesen, ’tschuldigung: Tibetanern..
Wenn solche CCTV-Systeme mit intelligenten Identifizierungsprogrammmen wie z.B. "PersonSpotter" und einer entsprechenden Vernetzung gekoppelt werden, ist es nicht mehr weit bis zum perfekten Überwachungsstaat. In England, wo es bereits 200.000 Überwachungskameras gibt, ist schon eine Generation herangewachsen, die die Rolle der CCTV-Anlagen akzeptiert. Big Brother ist schon da, und sie lieben ihn.
Things to come
Die neuste Entwicklung auf dem Gebiet der Überwachung und Identifizierung wird gerade an der University of Leeds entwickelt. Dieses System ist in der Lage, Verhaltensmuster zu erkennen: Es lernt, "normales" Verhalten von "verdächtigem" Verhalten zu unterscheiden. Getestet wird momentan noch in den Bereichen Supermarkt- und Parkplatzüberwachung. Also, wer sich in ein paar Jahren ein paar Mal zuviel im Supermarkt umsieht, wird vielleicht ein nettes Gespräch mit den Detektiv haben - die Folge solcher intelligenten Kameras werden dann im Endeffekt Menschen sein, die präventiv ihr Verhalten normalisieren. Wehe dem, der aus der Reihe fällt. Aber bis das System zur Serienreife wird entwickelt worden sein, dauert es wohl noch. Solange haben wir noch Zeit, uns so zu verhalten, wie wir es wollen und nicht, wie es die Überwachungssysteme wollen.

