Neues vom Netz
elektronische Journale über Netzkritik
Das Internet entwickelt sich immer mehr zum Massenmedium. So gibt es auch eine große Zahl von Zeitschriften, die sich mit dem Internet befassen. Aber auf dem zweiten Blick scheint es hier größtenteils nur Schrott zu geben. Die meisten Zeitschriften feiern das Internet als das Medium der Zukunft, zeigen noch ein paar trendy Accesoires zum Surfen und haben ein Extra-Teil mit den 100 heissesten Links. Wer sich ein wenig tiefergehend mit dem Medium beschäftigen will, ist beim Printbereich hoffnungslos verloren.
Hier gibt es zwar mit "Konrad" und "Wired" zwei etwas ernst zunehmende Zeitschriften, die erste setzt aber dann doch mehr auf die Kraft des Bildes und die zweite ist mehr oder minder zum Organ der VertreterInnen der sogenannten "kalifornischen Ideologie" geworden, die neoliberalen Geist mit dem Hippie-Gefühl Kaliforniens zu einer üblen Netzkultur-Mischung zusammenbringen. Wer sich also wirklich ein wenig für Netzkultur interessiert, ist auf das Netz selbst angewiesen.
Telepolis
Das bekannteste deutsche Online-Magazin zur Netzkultur ist "TELEPOLIS". Es erscheint im Heise-Verlag, der sich mit der Computerzeitschrift "c’t" einen Namen gemacht hat. Aber auch das "Magazin zur Netzkultur" wie Telepolis im Untertitel heißt, begeistert. Zu sehr vielen Themen, auch solchen, die die ’Netzwelt’ verlassen, veröffentlicht Telepolis und kann auch mit Kolumnen von bekannten Medienwissenschaftlern (Flusser, McLuhan, Lem, Manovich) aufwarten - für alle die einen Überblick über die aktuellen Themen haben wollen, ist Telepolis einer der ersten Anlaufstellen.
Ezine aus Australien
M/C ist ein neues Ezine, das sich mit Medienkultur beschäftigt. Die erste Ausgabe von M/C, das an der University of Queensland in Australien gemacht wird, beschäftigt sich mit dem „concept of ’new’". Die Artikel, die zum größten Teil von Studenten der Universität stammen, sind besser, als die verquast-akademischen Ankündigungen auf verschiedenen Mailinglisten erwarten ließen. Themen sind unter anderem die Digitalisierung des australischen Fernsehens und „Cybercommunities", aber auch das Gesicht auf dem Mars und die amerikanische Krankenhausserie „ER". Die berühmten Textwüsten, die akademische Publikationen im WordlWideWeb gerne anlegen, sind hier nicht zu finden: Jeder Text wurde in appetitliche „Bits", also schnell download- und lesbare Textbrocken zerlegt, auch die Gestaltung ist frisch und übersichtlich, ohne bemüht modern zu sein. Etwas aufdringlich buhlen dagegen ausführliche Zitierhilfen um „credits" in der akademischen Welt.
Von Australia nach Austria
Das nächste elektronische Magazin heißt "Electronic Journal" und kommt aus Österreich. Das Electronic Journal bietet Essays und theoretische Beiträge zum Thema Neue Mediale Kultur und Kommunikation an, ist jedoch auch offen gegenüber allgemeinen künstlerischen, literarischen und kulturellen Äußerungen, Absichten, Einsichten und Konzepten. Zu den Zielen des Magazins schreibt der Herausgeber: "Die Kommunikation, Interaktion und die Möglichkeiten der Gestaltung im elektronischen Raum birgt eine Fülle neuer und entwicklungsfähiger Möglichkeiten, die sich absehbar zu einem sinnvollen und expansiven Instrumentarium fügen. Die soziokulturellen Auswirkungen der Neuen Medien, die über den Rahmen der Kunst weit hinausreichen, werden reflektiert. Die Entwicklungsgeschichte der Neuen Medien ist nicht losgelöst von tradierten künstlerischen und kulturellen Erfahrungen zu betrachten. Erst im kreativ inspirierten Vergleich zeigt sich die neue Qualität."
com.une.farce
"com.une.farce" ist ein E-Zine aus dem linken Lager. Auch hier wird das Problem der selbst ernannten Internet-expert-Innen aufge-griffen:"Im Windschatten der Hypes hat ein buntes Völkchen seine Zelte aufgebaut. Z.B. sind ein paar Sozial- und Geisteswissenschaftlerlnnen irgendwann nach ’93 auf den Zug aufgesprungen und wollen nun als Expertlnnen gelten... Wenn auf Internet-Tagungen und in Rundfunk-Features solche Figuren auftreten, erinnern sie immer ein bißchen an den Hofnarren, der die Bonmots, die seinen Herren gefallen, liefert. Er darf dabei auch mal kritisch sein, solange er gefällt. Und er gefällt genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem er irgend etwas, was den Herren gefällt, grundsätzlich in Frage stellt. Deshalb tut er’s nicht." Neben Artikeln zur Netzkritik gibt es auch ein breites Feld von Themen, die sich nicht nur allein auf Netzkritik beziehen. Bisher gab es z.B. ein Interview mit Johannes Agnoli, Texte zum Kosovokrieg, zu der Gegenkampagne der CDU-Unterschriftenlisten etc. Zwar mußten die Macher offenbar erstmal einiges theoretisch-ideologisches Magendrücken hinter sich bringen, als sie sich für die Verbreitung im Netz entschieden, wie diese gewundenen Sätze aus dem Editorial beweisen: „Wir wissen, daß wir mit der ausschließlichen Publikation im Netz neue Ausschlüsse produzieren.... Andererseits sind die Ausschlüsse bei klassischen linken Zeitschriften, die es lediglich in ein oder zwei Buchläden in ein dutzend Städten zu kaufen gibt, kaum minder problematisch..." Doch dann überwand man sich schließlich, denn „es geht auch darum, Erfahrungen mit der Nutzung eines für linke Zeitschriften neuen Mediums zu machen, es sich anzueignen." Inzwischen werden die multimedialen Möglichkeiten des Internets genutzt werden: außer Texten gibt es auch Ton und bewegte Bilder.
Diese Magazine stellen nur einen kleinen, subjektiven Querschnitt der Online-Magazine dar, die sich kritisch mit Netzkultur beschäftigen. Was im Printbereich noch Mangelware ist, ist im Netz selbst jedoch gut vertreten. Natürlich gibt es hier das Problem, die Spreu vom Weizen zu trennen.

