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Rezension: Blockbuster
Ein neues Buch zum Hollywoodkino
Hollywood - dieser Name ist nach wie vor ein Synonym für die amerikanische Filmindustrie. Und ein Großteil der im Kino ausgestrahlten Filme kommt immer noch aus der kalifornischen Traumfabrik. Und während man sich noch fragt, warum da eigentlich soviel Mittelmäßigkeit herkommt, kommt gerade ein Buch heraus, dass sich unter anderem mit dieser Frage beschäftigt.
Blockbuster. Ästhetik, Ökonomie und Geschichte des Postklassischen Hollywoodkinos heißt das Buch von Robert Blanchet. In eben diese drei Kapitel des Buches teilt sich das Buch dann auf und beginnt mit Kapitel Ästhetik erst mal theoretisch. In der Filmwissenschaft gibt es verschiedene Ansätze und Blanchet greift sich aus der Theoriegrabbelkiste den in Deutschland noch relativ jungen neoformalistischen Ansatz heraus. Dieser wird dann auch - unter der Ausblendung des (wahrscheinlich auch nur für FilmwissenschaftlerInnen interessanten) fachinternen Streits um eben diesen Ansatz - ganz anschaulich anhand vieler Filmbeispiele und auch ohne notwendiges Vorwissen erklärt. Ganz nebenbei erfährt man dann auch, dass sich in 80 Jahren amerikanischer Filmgeschichte die Narration im Hollywood-Kino nicht großartig verändert hat: "Mit konsistenten Attributen gezeichnete Figuren und Helden bilden nach wie vor das Zentrum des Hollywoodfilms, kämpfen für ihre Ziele und finden auch unterer dem härtesten Druck einer Deadline Zeit für romantische Zwischenspiele". Dies liegt auch an den ökonomischen Rahmenbedingungen Hollywoods: Das typische Happy End ist nicht nur das Resultat von ästhetischen Traditionen, sondern ist oft auch die ökonomische Angst, den Geschmack des Publikums nicht zu treffen.
Money, Money
Und um genau diese ökonomischen Aspekte geht es dann auch im zweiten Kapitel. Hier wird die ganze Theorie mal ausgeklammert und es geht um die ökonomischen Fakten: Wie werden Filme produziert und finanziert, wer verdient wieviel an einer Kinokarte und warum kommen die Filme wann und wie in die Kinos und Videotheken. Fast über 90 Prozent der Filme der amerikanischen Film-Industrie werden von einer Handvoll Major-Studios produziert. Und obwohl häufig dreistellige Millionenbeträge in die Filme gesteckt werden, machen die Majors mit den meisten nicht viel Gewinn. Vom Produzenten über den Schauspieler bis zum Kinobesitzer wollen im Blockbuster-Kino alle mitverdienen, so dass von einem Film wie Roger Rabbit, der allein im amerikanischen Markt über 200 Millionen US-Dollar durch Kino-, Video- und Fernsehauswertung einbrachte, unterm Strich "nur" 19 Millionen US-Dollar übrig bleiben. Richtig viel Geld bringen indes eine Handvoll Blockbuster ein, die vor allem in den ersten Wochen gut laufen müssen, um in die Gewinnzone zu fahren. Das hat in Hollywood inzwischen dazu geführt, dass entweder nur noch großes "Eventkino" mit Produktionskosten deutlich über 50 Mio. US-Dollar oder Independent-Filme mit einem Budget deutlich unter 20 Mio. US-Dollar produziert werden - für Filme in der ökonomischen Mittelklasse ist kein Platz mehr.
Das dritte Kapitel zur Geschichte des Postklassischen Hollywoodkinos bringt dann Ästhetik und Ökonomie zusammen und erzählt die Geschichte Hollywoods von 1945 bis heute. Es beginnt bei der Krise und Reformierung des Studiosystems in den 40er Jahren. Bis zum Ende der 40er Jahre war nämlich nicht nur die Filmproduktion und -distribution in der Hand von fünf großen Majorstudios, sondern sie erwirtschafteten mit den angeschlossenen Kinoketten rund 75 Prozent des amerikanischen Kinoumsatzes.
Doch der Supreme Court stellte 1949 die Studios vor die Entscheidung, sich von den Kinos oder der Distribution zu trennen - die sich dann von ihren Kinos trennen. Dadurch wurden dann erste organisatorische Umstellungen in der Produktion von Filmen durchgeführt. In der Reagan-Administration 1986 wurde diese Entscheidung, der "Paramount Decree" durch Deregulation gelockert, und die Studios kauften sich wieder in die Kinoketten ein, die jedoch durch viele andere Einnahme-Quellen, wie Video- und Fernsehrechte oder Merchandising, nicht mehr die Rolle spielen wie früher.
High-Concept
Ende der 1960er, Anfang der 1970er kommen auch die Protest- und Befreiungsbewegungen in Hollywood an. Hollywood öffnete sich für ein neues Publikum und auch für neue RegisseurInnen, die sich an dem europäischen Autorenkino orientieren. Hier sind vor allem Francis Ford Coppola, Martin Scorcese, Steven Spielberg und George Lucas zu nennen. Doch einige der Hauptakteure des "New Hollywood" werden einige Jahre später das Blockbusterkino wiederbeleben. Den Anfang machen Mitte der 1970er Jahre Filme wie Der Pate oder Der weiße Hai. George Lucas’ Krieg der Sterne ist 1977 dann der ökonomische Prototyp für den neuen Blockbuster im Postklassichen Hollywood: Der Film ist ein Franchiseunternehmen: Mit Spielzeugen, Soundtracks, Darth-Vader-Pizzas wird inzwischen genauso viel wie oder deutlich mehr Geld verdient als mit dem Film selbst. Mit den neuen Filmen kommen auch wieder mehr ZuschauerInnen ins Kino, die künstlerischen Ambitionen treten wieder in den Hintergrund - die Zeit des "New Hollywood" ist vorbei, jetzt regiert in Hollywood das Prinzip des "High Concepts". Hinter diesem vermeintlich "hohen" Konzept steht nichts anderes als dass der Film möglichst in einem Satz zu beschreiben ist und dieser eine Satz auch direkt die Zuschauer ins Kino lockt. Dies führt seit Anfang der Achtziger Jahre zu einem Boom von sogenannten "Fish out of Water"-Komödien, in dem es um einfache Konfrontationen unterschiedlicher Milieus geht: Männer als Frauen (Tootsie), Reisen aus der Gegenwart in die Vergangenheit, Kinder in Körpern von Erwachsenen und umgekehrt: Dies sind nur einige Beispiele für solche einfachen Konzepte. Neben diesen einfachen Konzepten gehören zum neuen Hollywood-Kino auch noch andere Faktoren, sogenannte "Pre-sold properties", also Elemente, die den ZuschauerInnen schon bekannt sind und somit auch das ökonomische Risiko verringern. Hierzu zählen natürlich StarschauspielerInnen, Fortsetzungen, Remakes oder Filme, die Bestseller oder Comics als Grundlage haben.
Auch wenn die Einnahmen an der Kinokasse nur noch einen Bruchteil des Gesamtumsatzes eines Filmprojektes ausmachen: Ein Film muss erfolgreich sein, damit man auch mit den anderen Auswertungsformen Geld verdienen kann - die Marketingstrategie wie die Ausrichtung an einfachen Stories und Wiedererkennungswerten spielen eine Rolle, die neue Film- und Projektionstechnik, wie digitaler Film oder Mehr-Kanal-Ton führen zu einer "Rückkehr des Kinos der Attraktionen". Mit seinem Buch gibt Blanchet eine sehr gute Möglichkeit, sich einmal intensiver mit dem Hollywood-Kino zu beschäftigen und bietet einen schönen praxisnahen Einstieg in die neoformalistische Filmtheorie. Ein Glossar mit Film- und Theoriebegriffen rundet das Buch ab und steigert seinen Gebrauchswert.
19,80 EUR, Schüren Verlag
ISBN 3-89472-342-4.

