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Rezension: CRYPTONOMICON

Verschlüsselte Sache

Kryptografie, das ist die Lehre von Entschlüsseln und Verschlüsseln von Informationen. Früher war das vielleicht nur in der Politik (und in deren Teilmenge "Krieg") von Bedeutung, aber heutzutage nutzen wir alle krypotgrafische Verfahren, wenn wir im Internet ein Buch bestellen. Bei einigen anderen Sachen, wie z.B. dem profanen e-Mail-Austausch nutzen wir alle noch viel zu wenig Kryptografie, so dass finstere Geheimdienste alles lesen können, was wiederum heroenhafte BürgerrechtlerInnen auf den Plan ruft und im freien Zugang zu starken Verschlüsselungsverfahren die Rettung der freien Welt vor den eben erwähnten Mächten der Finsternis sieht, die wiederum in der Nutzung von starker Verschlüsselung die Achse des Bösen erkennen. Höchste Zeit also, dass mal jemand einen dicken Roman dazu schreibt.

Genau dies hat nun Neal Stephenson gemacht. Der Autor wird von einigen in einem Atemzug mit William Gibson genannt und gilt als einer der Erfinder der Cyberpunk-Literatur und hat sich mit seinen bisherigen Romanen in genau diese Szene einen Namen gemacht; das CRYPTONOMICON wurde daher auch heiß ersehnt. Im CRYPTONOMICON geht es in zwei Zeitebenen um die Verschlüsselung: Die erste spielt im zweiten Weltkrieg und wird vornehmlich aus der Sicht der Alliierten erzählt. Diese haben einen Großteil der deutschen und japanischen Codes geknackt und wissen daher, wo sich die U-Boote im Atlantik aufhalten, was die fiesen japanischen Generäle gerade tun und haben jetzt ein Problem: Würde man einfach jede gewonnene Erkenntnis der geknackten Codes nutzen, so müssten die bösen Deutschen oder Japaner irgendwann mal dahinterkommen, dass die Codes geknackt sind - also inszenieren die Alliierten vermeintliche Spionagenester oder Aufklärungsmissionen, damit die Deutschen im Glauben bleiben, die Codes der Verschlüsselungsmaschinen Enigma und Konsorten sind sicher und die erhöhten Verluste sind auf andere Faktoren zurückzuführen. An vorderster Front spielen hier Sergeant der Marines Bobby Shaftoe und der superintelligente Mathematiker Waterhouse. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges wird im CRYPTONOMICON vorwiegend als Geschichte eines Informationskrieges erzählt - als Kampf um die Gewinnung und Erhaltungen von Informationen. Nebenbei erfährt man einiges über kryptografische und mathematische Verfahren.

Entschlüsselte Geschichte

Die zweite Zeitebene: Ein paar hippe freiheitsliebende Amerikaner wollen auf einer pazifischen Insel einen Freihafen für Daten aufbauen - also einen gewaltigen Server auf dem Daten zur Verfügung - unabhängig von jedem staatlichen Eingriff - eine Vision der totalen Informationsfreiheit. Mit Hilfe eines Schatztauchers stoßen Sie auf ein U-Boot-Wrack aus dem zweiten Weltkrieg, in dem sich nicht nur Gold befindet, sondern auch verschlüsselte Nachrichten. Und jetzt verschmelzen die Zeitebenen: Den der Schatzsucher ist der Enkel des Marines Shaftoe und ein Randy Waterhouse, einer der hippen Jungunternehmer, ist Enkel des Mathematikgenies Waterhouse - und nun beginnt eine Suche nach altem Nazi-Gold und der Kampf um den Datenfreihafen und einem alten ungeknackten Code.

Der sprachliche Stil, rasant und witzig, überzeugt - die über tausend Seiten werden selbst bei den sehr ausufernden Passagen nie allzu langweilig. Ein wenig anderes sieht es doch auf der inhaltlichen Ebene aus: Im Mittelpunkt des Romans stehen vor allem männliche, weiße, amerikanische Individuen, die der Welt viel Gutes tun wollen. Gegner werden meist als unflexible Kollektive gesehen (so die als "Nips" betitelten Japaner), einzig dem Japaner Goto Dengo wird mehr Raum eingeräumt, diesen darf man dann aber auch bei seinem Marsch aus der kollektiven japanischen Identität zu einem netten amerikaliebenden Unternehmer beobachten.

Kalifornische Ideologie lässt grüßen

Das Projekt des Datenfreihafen der jungen, individualistischen Amerikaner ist im Grunde genommen ein Symbol für die sogenannte "kalifornische Ideologie", die in den Gründerzeiten des digitalen Booms Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger aufkam: Eine Vermischung von neoliberalen Wirtschaftsideen und der Freiheitsliebe der Späthippies: Ein absolutes Ja zum freien Markt, eine Ablehnung jeglicher staatlicher Einmischung und ein gehöriges Weggucken bei den bestehenden Ausbeutungs- und Rassismusmechansimen.

Was bleibt, ist ein Roman, der es zwar schafft, in einem rasanten und witzigen Stil die Auswirkung der Kryptographie in zwei wichtigen Epochen des 20. Jahrhundert auf den Tisch bringt, jedoch dabei von einem starken ideologischen Beigeschmack versalzen wird.

Neal Stephenson: Cryptonomicon
Manhattan Verlag, ISBN: 3-442-54529-3
Preis: 29 EUR