Sie sind hier: Texte» Netzkritik, -kultur und neue Medien » Rezension: "Mix, burn & R.I.P."

Rezension: "Mix, burn & R.I.P."

Das Ende der Musikindustrie?

Tauschbörsen wie Edonkey oder Kazaa werden nach wie vor gerne und im großen Umfang genutzt. Angefangen hatte alles jedoch bei Napster, der Mutter aller Tauschbörsen, und wenn man Janko Röttgers in seinem neuen Buch Mix, burn & R.I.P. glauben darf, führen die Tauschbörsen über kurz oder lang zum "Ende der Musikindustrie".

Janko Röttgers liefert in seinem Buch die Geschichte von Napster und seinen Erben und die Versuche der Musikindustrie, dagegen zu halten. Angefangen hat es, wie allzu häufig in der Geschichtsschreibung des Computers, mit einem jugendlichen Nerd, der diesmal nicht den PC erfand, sondern nur eine Tauschbörse, mittels derer man über das Netz digitale Daten tauschen kann. In Kombination mit dem MP3-Verfahren, welches Musikstücke auf ein Bruchstück ihrer ursprünglichen Größe zusammendampft und schnell wachsenden Breitband-Internet-Zugänge wurde das Ende der Musikindustrie eingeläutet.

Ich lad’s mal eben schnell runter

Die Idee war nicht mehr aus der Welt zu schaffen: Für quasi umsonst Musik in CD-Qualität, ein riesiges Angebot und die Möglichkeit, sich einfach selbst seine Lieblings-CD zusammenzusuchen - dagegen war und ist bisher kein Kraut gewachsen. Tauschbörsen wurden und werden von der Musikindustrie immer wieder juristisch angegriffen, mussten zwar häufig den Betrieb einstellen, doch zogen die UserInnen dann zum nächsten System. Auch der Versuch, den Umsonst-Tauschbörsen mit alternativen Bezahlbörsen das Wasser abzugraben, scheiterte bisher - was aber eher daran lag, dass sich die Musikindustrie nicht auf einen Standard einigen konnte und dort, wo sie es geschafft hat, bei Apples iTunes (jeder Download 99 Cent), ist auch fraglich, ob es sich finanziell lohnt.

Da sich auf diesem Wege nicht viel machen lässt, werden auch andere Seiten aufgezogen: Mit dubiosen Kopierschutzverfahren werden nun die KonsumentInnen verärgert und will man die Lieder der gekauften Grönemeyer-CD doch mal am Rechner oder im Auto hören, so muss man sich diese aus dem Netz runterladen, denn die CD versagt dort den Dienst, dem Kopierschutz sei dank.

Download ohne schlechtes Gewissen

Damit beim illegalen Download nicht so schnell ein schlechtes Gewissen aufkommt, präsentiert Janko Röttgers direkt ein paar Fakten zur Musikindustrie. Denn die armen KünstlerInnen sind nicht wegen den Tauschbörsen arm, sondern weil selbst von sehr hohen Gagen am Ende nur noch ein kleiner Rest für die MusikerInnen übrigbleibt, der Rest ist irgendwo in der Maschinerie der Musikindustrie verschwunden. Nur die wirklichen Super-Mega-Stars machen richtig Kohle mit dem Verkauf von Musik, andere können froh sein, wenn sie mit einer schwarzen Null am Ende rauskommen.

Die Lösung: Piraterie für alle!

Für Röttgers gibt es nur eine Lösung: Die Legalisierung der Piraterie. Dies soll durch eine einheitliche Pauschalabgabe geregelt werden. Wenn man sich einen CD-Rohling oder einen CD-Brenner kauft, zahlt man fünf Prozent mehr. Dieses Geld wird dann gerecht auf die KünstlerInnen verteilt (dank digitaler Technologie wüsste man auch besser, welche Musik wie häufig angefragt wird). Laut Röttgers würde dabei ein Betrag entstehen, der die MusikerInnen nicht reich macht, aber sie immerhin gut entschädigt. Als MusikerIn wäre man demnach auf eine gesunde Mischkalkulation von Platteneinnahmen, Einnahmen aus diesen Pauschalabgaben sowie Konzerterlöse und Merchandising angewiesen. Die Musikindustrie in ihrer jetzigen Form würde bei einem solchen Modell dann wohl den Kürzeren ziehen.

Es geht nur auf den ersten Blick um Musik, beim genaueren Überlegen geht es aber um Wissen und darum, wie in Zukunft mit Wissen umgegangen wird. Was immer bei der Musikindustrie herauskommt, es kann gut sein, dass dies ein Modell für viele verfügbare Daten wie Texte, Bilder oder Filme wird. Entweder wird es in der Zukunft nur noch individuelle Inhalte gegen Geld geben und somit auch Wissen nur noch bei entsprechendem finanziellen Hintergrund verfügbar sein oder mit einer Pauschalregelung oder alternativen Linzensierungsmodellen, die Röttgers auch in seinem Buch vorstellt, eine größere Gerechtgkeit zwischen UrheberInnen und NutzerInnen geben. Und da die Diskussion noch mitten im Gang ist, wird man im Netz unter http://www.mixburnrip.de immer auf dem Laufenden gehalten.

Lesenswert ist das Buch allemal für Menschen, die sich einen Überblick über die Tauschbörsen-Diskussion verschaffen wollen und wissen wollen, wohin die Reise gehen kann. Wobei das prophezeite Ende der Musikindustrie eine Möglichkeit ist, es kann auch alles ganz anders kommen.

Janko Röttgers: Mix, Burn & R.I.P. Das Ende der Musikindustrie.
Verlag Heinz Heise: 16,90 EUR
ISBN 3-936931-08-9