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Virtuelle Kriegsschauplätze

Der Kosovo, das Internet und der Cyberwar

Tag für Tag vor der Tagesschau: Die neusten Bilder über den Krieg in Jugoslawien flimmern über die Mattscheibe. Entweder gibt es die chirurgisch-präzisen Bombenabwürfe der NATO zu sehen oder einen gerührten Kriegsminister, der die Wolfsschanze nach Belgrad verlegt oder die Folgen der Bombenabwürfe der NATO, die mit Chirurgie soviel zu tun haben wie eine Amöbe mit Postkonstrukivismus. Die Medien zeigen uns immer einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit und die Ausschnitte bestimmen die NATO, das Bundesverteidigungsministerium oder das Jugoslawische Informationsministerium. Diese Ausschnitte sind dann entweder Manipulation, Zensur oder strategisch notwendig - doch wie kann man "ungefilterte" Informationen aus dem Kriegsschauplatz erhalten? Hier kann das Internet helfen. Es läßt sich nicht so leicht kontrollieren und es bietet genug Kommunikationskanäle, die nicht durch Bomben wie Antennenmasten weggefetzt werden können. Welche Informationen gibt es im Internet und gibt es so etwas wie einen Cyberwar - dem Krieg im Netz?

Über den Krieg gibt es auch im Internet viele Informationen. Ein erster Besuch auf der Bundeswehr-Homepage macht schon mal so richtig betroffen: eine Kinderzeichnung mit Panzer und bösem Serben drückt auf die Tränendrüse und ein paar Seiten weiter erfahren wir dann was Serbien mit Hufeisen zu tun haben. Und die andere Seite? Unter www.serbia-info.com finden wir die Seite des jugoslawischen Informationsministeriums. Hier dann halt die üblichen Floskeln: NATO ist böse, kriminell und dafür verantwortlich, daß jetzt alle Brutkästen ohne Strom sind. Weitere Kinderzeichnungen auf www.bundeswehr.de sind so wohl nicht zu erwarten. Zynisch? Ist sowiesi alles serbische Propaganda sagt www.kosovoinfo.com und der soll man nicht trauen. Viel lieber einen Artikel von einem William Jefferson Clinton lesen, der sagt, warum der Krieg gut und nötig ist. Und bei der NATO (www.nato.int) können Militaristen und KriegschronologikerInnen noch mal all die schönen Pressekonferenzen nachlesen. Die Internetseiten bieten also auch niochts weiter als die übliche Propaganda - ob mit Fotos oder sogar multimedial.

EMail: Der Kontakt zur freien Welt

Eine weitere Möglichkeit Informationen aus Jugoslawien zu bekommen sind eMails. Es gibt noch einige Personen, die durchaus zu den KritikerInnen von Slobodan Milosevic zählen, die über die Ereignisse informieren. Diese eMails werden dann in Mailinglisten veröffentlicht. Viele Mailinglisten haben sich seit dem 23.März gewandelt. Beispielsweise die Mailingliste "nettime". Eigentlich ein Anlaufpunkt für alle, die sich für Netzkritik interessieren, wird dies zu einer Liste, in der Informationen über die Situation in Jugoslawien verbreitet werden. Hier sind regelmäßig Stimmen aus Jugoslawien und dem Kosovo zu lesen, die in den bürgerlichen Medien keinen Platz mehr finden. Doch solche Informationen dringen nur an die Personen in den Mailinglisten, sie werden kaum weiter verbreitet. Und auch hier gibt es wieder das Problem: Was stimmt und was stimmt nicht? Wer schreibt denn wirklich die eMails? Auch hier ist Vertrauen gefragt, aber auch eine gute Portion Mißtrauen. Um es Personen aus Jugoslawien leichter zu machen, anonym zu bleiben wurde jetzt auch unter www.anonymizer.com/kosovo ein Dienst eingerichtet, um Mails und Anfragen zu anonymisieren.

Hacker & Co

In den ersten Tagen des Krieges wurden Angriffe anderer Natur gemeldet. Hacker hatten die Internet-Server der NATO gecrackt, andere Hacker hingegen serbische Server. Nach dem Angriff auf die chinesische Botschaft hatten es dann chinesische Computercracks geschafft, die Homepage des Weißen Hauses (www.whitehouse.gov) zu cracken. Auf der gecrackten Seite war zu lesen: "Why did we hack this domain? Simple, we fucking could. Maybe this will teach the world a fucking lesson. Stop all the war. Consintrate on your own problems." Solche Angriffe bringen dann Militärs ganz schnell dazu den "InfoWar" auszurufen - ein Krieg in den virtuellen Welten des Internets, ein "sauberer", "unblutiger" Krieg. Information Warfare - eindeutig defibniert ist in diesem Bereich nichts. Geht es darum Webseiten zu hacken, Informationskanäle zu unterbrechen oder ist das ganze nur eine Inszenierung der Militärs? Das Hacken von Webseiten kann noch als harmlos bezeichnet werden, wenn man sich Strategien des InfoWars anguckt: Eine gezielte Attacke auf die Rechner und Datenbanken von Banken, Versicherungen, Flughäfen etc. könnte wesentlich effektiver - und damit auch folgenschwerer für die zivile Bevölkerung- sein als jede Wirtschaftsblockade. Doch solche Attacken sind nur eine Facette aus dem Arsenal der Informationskrieger. Da es durch das Internet inzwischen unmöglich geworden ist, die Kommunikationskanäle des Feindes zu unterbrechen (früher schoß man die Brieftaube ab), ist es nun nicht mehr das Ziel die Übermittlung der Daten, sondern die Interpretation der Daten zu beeinflussen. Angriffsziele sind also die Instanzen, die zwischen dem Informationsinput und dem Entscheidungsoutput liegen - das ist nicht weniger als die gesamte Selbstbeschreibung einer Kultur., eine Unterwanderung oder Zerstörung des Wissens- und Glaubensgebäudes. Wirft man ein Blick auf den Großteil der Grünen, könnte man schnell den Eindruck gewinnen, daß diese die ersten Opfer eines solchen InfoWars geworden sind.

InfoWar - alles inszeniert?

Die Strategen eines Information Warfare träumen von einem unblutigen Krieg, von nicht-tödlichen Waffen, von einem virtuellen Krieg ohne reale Tote. Kritik an diesem Konzept gibt es genug. Es ist einfach zu kurz gedacht, wenn behauptet wird, daß man die Interpretation der Daten so einfach ändern kann. Auch wenn es genug Propaganda gibt, wenn Informationen zurückgehalten werden, es liegt immer noch in der Macht des Rezipienten, die Botschaft anders zu verwerten, als es der Sender im Sinn gehabt hatte. Vielleicht ist das Gespenst des CyberWars nichts weiter als eine Inszenierung von Militärs. Wer jetzt, nur weil ein paar Webseiten gehackt worden sind, davon spricht, daß wir im Cyberkrieg sind, verhöhnt all die Opfer die bisher erschossen, zerfetzt, verhungert oder gefoltert wurden.